Intensivklassen an der Kopernikusschule Freigericht

 
„Ein Ankommen in der deutschen Sprache und ein Willkommen in der deutschen Kultur"
„Klassenlehrerin Dr. Erika Divéky lebt Mehrsprachigkeit vor und prägt die Konzeption für das Fach Deutsch als Zweitsprache"
 
 
Ein Portrait
von Thorsten Weitzel
(Öffentlichkeitsarbeit Kopernikusschule Freigericht), September 2016
 
 
Seit letztem Schuljahr werden in drei sogenannten Intensivklassen junge Migrantinnen und Migranten an der Freigerichter Kopernikusschule unterrichtet. Damit wird eine besondere Form der Sprachförderung für Schüler und Schülerinnen geboten, die vor Kurzem nach Deutschland gezogen sind und über keine oder geringe Deutschkenntnisse verfügen. Es sind Flüchtlingskinder mit Familien oder unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die bei Gastfamilien oder bei Verwandten leben. Es sind aber auch „EU-Kinder“ dabei und bis Januar war auch eine japanische Gastschülerin in der Klasse. Die Kinder kommen aus Syrien, Äthiopien, Eritrea, Afghanistan, aus Italien und Bosnien-Herzegowina. Um in der Schule erfolgreich zu sein, müssen sie alle die Sprache beherrschen. Dazu erhalten sie an der Kopernikusschule wöchentlich 23 Unterrichtsstunden Deutsch als Zweitsprache (DaZ) Förderung, davon auch drei Stunden DaZ-Mathematik. Die Integration und das Sprechen werden durch die Kooperation mit einer Regelklasse gefördert. Hier schnuppern die Schülerinnen und Schüler parallel zu ihrem DaZ-Unterricht in den regulären Unterricht hinein.
Ihrer Intensivklassen-Lehrerin Dr. Erika Divéky, die selbst gebürtige Ungarin ist und seit letzten November eine solche Klasse leitet, bescheinigen alle, einen tollen Unterricht zu machen. „Wir bieten den Kindern eine Akklimatisationszeit und –zone, ein Schutzgebiet für seelisches und sprachliches Ankommen und Wurzelschlagen", so die Pädagogin, die den Deutsch als Zweitsprache-Unterricht als „ein Ankommen in der deutschen Sprache und ein Willkommen in der deutschen Kultur" bezeichnet. Es sei dabei immer „dynamisches Lernen", da die Kinder an vielen Stellen und nicht nur im Unterricht die Sprache lernen. In diesem Sinne sei die Intensivklasse wie ein „begleitetes Schwimmenlernen“, wo manchmal durch Aussprachefehler, Alltagssituationen oder durch Erfahrungen in der Regelklasse blitzartig neue Impulse im Unterricht entstehen. Aus diesem Grund könne man nicht mit einem Schulbuch für DaZ in einer Intensivklasse arbeiten.
Von der Mozartstraße, die in einem Übungssatz vorkam, war es nur ein Sprung zur „Kleinen Nachtmusik“, welche mit Mozartkugeln versüßt wurde, und zwei Tage nach der Frage was Moral bedeutet, haben die Kinder schon Luthers Fabel gelesen und selbst kleine Fabeln geschrieben. Ein Konjugationsfehler führte sie zu Kant und dessen Spruch „Ich kann, weil ich will, was ich muss“. Man müsse nämlich die neue Sprache und die dazu gehörende Kultur selbst lernen wollen. Mit Verstand aber auch mit Spaß - mit Zungenbrechern, Kinderreimen und Redewendungen, mit Spielen und Projekten, etwa beim gemeinsamen Backen, - findet man einfacher zur Sprache. „Wir haben auch mehrere Ausflüge gemacht, die mir viel von der Region gezeigt haben“, erzählt ein Schüler. Zum Beispiel erkundete die Klasse vor den Sommerferien die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden.
Interkulturelle Unterschiede bei der Kommunikation werden im Unterricht ebenso besprochen wie Besonderheiten des hessischen Dialekts, Fakten über deutsche Feiertage oder die Bräuche der närrischen fünften Jahreszeit.
Neben Wortschatz, Grammatik und Rechtschreibung lernen die Schülerinnen und Schüler oft erst im DaZ-Unterricht die lateinischen Buchstaben zu schreiben. „Wenn arabische Kinder ein Wort durch die für sie eingeprägte Richtung Buchstabe für Buchstabe von hinten schreiben, ist ihre Schreibgeschwindigkeit so ausgebremst, dass sie ein Wort schaffen, während andere einen Satz schreiben", beschreibt die erfahrene DaZ-Lehrerin, die für Sensibilität bei der Sprachproduktion plädiert. „Vor dem Fehlermachen Angst zu haben, wäre in einer Sprachlernklasse fatal, da es zu Sprachblockade führen würde." Eben deshalb sei die Intensivklasse ein Raum mit positiver Fehlerkultur und ohne roten Korrekturstift im Alltag - grün tut nicht so weh. Je nach Sprachstand und Aufgabenart können DaZ-Schüler auch in der Zielstammklasse Kontrollarbeiten mitschreiben, ihre Arbeiten werden aber nur dann mit einer Note bewertet, wenn sie es wünschen und wenn das Ergebnis im positiven Notenbereich ist. Dies gilt als besonderer Ansporn, worauf die Schüler dann auch mächtig stolz sind. Besonders begabte Schüler der Intensivklasse werden durch die Kopernikusschule mit zusätzlichen Fördermaßnahmen unterstützt. So wurde zum Beispiel ein Schüler für die VorbilderAkademie angemeldet. Diese Akademie unterstützt Jugendliche mit Migrationshintergrund, ihre eigenen Talente zu erkennen und Ressourcen zu aktivieren.
Große Unterstützung leisten in dieser Integrationsarbeit der Kopernikusschule Freigericht die ehrenamtlichen Lernhilfen vor Ort, die mit den Schülerinnen und Schülern am Nachmittag oft tagtäglich lernen und üben. Nur so kann man die große kognitive Schere, die in den Klassen nun einmal vorherrscht, meistern. Denn durch den Umstand, dass die Kinder schulisch und außerschulisch ganz unterschiedlich sozialisiert sind, ist eine Intensivklasse sehr heterogen. Der eine hat noch nie bzw. kaum die Schule besucht, der andere hat alle Fächer durchgehend auf Englisch gelernt.
Neben dem Erlernen der deutschen Sprache ist laut Dr. Erika Divéky auch die Bewahrung der Muttersprache enorm wichtig, und dies beinhalte nicht nur das Sprechen, sondern auch das Lesen und Schreiben. Es wird daher immer wieder in der Klasse thematisiert, welche Chancen jetzt und in der Zukunft diese Schüler durch ihre Mehrsprachigkeit haben. Solange nämlich, bis sie sprachlich in Deutsch soweit sind, dass sie bildungssprachlich alles verstehen und lernen können, müssen sie den Lernstoff teilweise durch muttersprachliche Unterstützung, etwa durch Internetrecherche meistern. „Gute Kenntnisse in der Muttersprache sind die Grundlage, um eine zweite Sprache zu erlernen. Die Muttersprache ermöglicht zudem den Erhalt des Kontakts mit vielen Verwandten und Bekannten. Mehrsprachigkeit ist ein großer Vorteil - ein Schatz, der geschätzt werden soll(te)", so Erika Divéky, die ihnen als Klassenlehrerin vorlebt, dass Zweisprachigkeit im Alltag funktionieren kann: „Neben dem Deutschen benutze ich meine Muttersprache täglich - wir leben zu Hause in Zweisprachigkeit, mit meinen Kindern spreche ich ausschließlich Ungarisch, die somit völlig zweisprachig geworden sind", berichtet sie. Und durch ihre Aufgabe als Ausländerbeirätin in ihrer Heimatgemeinde Schöneck weiß sie von vielen Alltagsproblemen der Migrantenfamilien. Daher lernen die Kinder bei ihr auch Dinge, die auch ihren Eltern weiterhelfen, wie Formulare auszufüllen, einen offiziellen Brief bzw. eine schulische Entschuldigung zu schreiben, einen Arzttermin zu organisieren, Erste-Hilfe zu leisten bzw. zu rufen.
An der Kopernikusschule ist man natürlich sehr froh, dass man seit 2013 mit Dr. Erika Divéky eine ausgewiesene Fachfrau zur Verfügung hat, die auch eine gefragte Referentin auf diesem Gebiet ist. Landrat Erich Pipa und der örtliche Landtagsabgeordnete Christoph Degen überzeugten sich bereits bei einem Besuch der Intensivklasse vor Ort von Frau Divékys Arbeit in Somborn. Aber auch andere erfahrene Pädagogen erklärten sich bereit, Intensivklassen zu betreuen und zu unterstützen. Dr. Swantje Dietsche und Maria Cristina Petruzzelli sind auch Klassenlehrerinnen. Und einige Referendare oder frisch examinierte Lehrkräfte bildeten sich im letzten Schuljahr weiter, um sich für Deutsch als Zweitsprache zu qualifizieren. Um eine Mitarbeit im Regel-Fachunterricht, ob in Physik, Geschichte oder Ethik, zu ermöglichen, wird mit der Unterstützung von Fachkollegen zum Beispiel eine individuelle unterrichtsbezogene Vokabelsammlung erarbeitet.
Ein DaZ-Lehrer ist aber nicht nur ein kognitiver Multiplikator, sondern auch ein Kulturlotse und Kulturdolmetscher, sowohl für die Schülerinnen und Schüler, als auch für das Lehrerkollegium und für die Eltern. „Des Weiteren ist man auch ein Seelsorger in vielen Bereichen, sei es familiär oder wenn es um die verloren geglaubten Träume geht. Die Kinder sollen nämlich, nur weil sie die Sprache noch nicht können, nicht ihre Zukunftspläne aufgeben". „Wage dich zu wagen“, und man soll es ihnen auch zutrauen, so Dr. Erika Divéky.
Wer diesen Kindern helfen möchte, ist als Sprachlernhelfender oder als Freizeitpate bei uns an der Kopernikusschule in Freigericht herzlich Willkommen. Wir suchen Lese- und Lernpaten oder jemanden, der Schülerinnen und Schüler zum Beispiel in Vereine oder den Chor begleitet. 

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